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Brandkatastrophe Grenfell Tower Gebäudedämmung: Wie sicher ist der Brandschutz in Deutschland?

Der Hochhausbrand in London hat eine Diskussion über die Standards bei der Gebäude­dämmung entfacht. Kann so eine Katastrophe auch in Deutschland passieren? Verbände warnen vor Panikmache.

Mindestens 80 Tote und viele Verletzte. Das ist die vorläufige Bilanz des Großbrands im Londoner Grenfell Tower am 14. Juni dieses Jahres. Das Feuer, das nach Erkenntnissen der Ermittler durch einen defekten Kühlschrank ausgelöst wurde, hat sich über die Fassade des Sozialbaus in kürzester Zeit ausgebreitet. Schuld daran sollen die verwendeten Dämmmaterialien aus Aluminium und Polyethylen sein. Offenbar wollte die Hausverwaltung Kosten sparen und verzichtete auf nichtbrennbare Dämmstoffe. Kein Einzelfall – zahlreiche Gebäude in Großbritannien sind bei einem von der Regierung angeordneten Sicherheitstest durchgefallen – eine Grundsatzdiskussion um den Brandschutz ist entfacht.

Auch in Deutschland verunsichert die Brandkatastrophe in England und die vorsorgliche Evakuierung eines Hochhauses in Wuppertal viele Menschen und wirft Fragen auf: Wie sicher sind die verbauten Dämmstoffe wirklich? Soll ich überhaupt noch dämmen und kann so etwas auch hierzulande passieren?

Brandkatastrophe: Kein Szenario für Deutschland

Nein, sagt Michael Heide, Geschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe (ZDB): "Sofern die bauaufsichtlichen Anforderungen berücksichtigt werden, ist eine Brandkatastrophe wie bei dem Londoner Hochhausbrand in Deutschland ausgeschlossen. Die in London ausgeführte Fassade wäre in Deutschland nie zugelassen worden", stellt der Verbandsobere klar.

Ähnlich sieht das Josef Rühle, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks. "Es werden Ängste geschürt, die, wenn ernsthaft nach derzeitigem Baurecht ausgeführt wird, unbegründet sind", sagt Rühle. Entscheidend für den Brandschutz sei vorwiegend eine korrekte Bauausführung. "Der Einsatz der Materialien ist entsprechend der Baustoffklassen gesetzlich genau geregelt", sagt Rühle. Leichtentflammbare Materialien dürften in Deutschland grundsätzlich nicht verbaut werden.

Welche Dämmstoffe erlaubt sind, hängt von Art und Nutzung des Gebäudes ab. Grundsätzlich gilt: Je höher das Gebäude und je länger die Fluchtwege, desto höher die Brandschutzanforderungen (siehe Kasten).

Bei (schwer)entflammbaren Wärmedämm-Verbundsystemen ist zudem der Einbau von feuerfesten ­Brandriegeln vorgeschrieben, die den Übertritt von Flammen und damit eine Ausbreitung über die ganze Fassade verhindern oder zumindest verzögern sollen. "Bei dergestalt brandgeschützten Wärmedämmungen ist eine Brandausbreitung über die Fassaden nahezu unmöglich", sagt Michael Heide vom ZDB.

Dämmung: Über Vorschriften hinausgehen

Der Bundesverband-Brandschutz-Fachbetriebe empfiehlt jedoch, über die Vorschriften hinauszugehen: "Wir schließen uns den Empfehlungen einiger Feuerwerinstitutionen an, insbesondere im Erdgeschossbereich der Hausfassaden nichtbrennbare Dämmmaterialien einzusetzen", heißt es vom Verband. Ein zusätzlicher Brandschutz könne gewährleistet werden, indem im unmittelbaren Bereich der Außenfassade keine brennbaren Gegenstände wie zum Beispiel Kunststoff-Mülltonen abgestellt werden.

Nur nichtbrennbare Dämmstoffe einzusetzen, findet Hans-Joachim Riechers, Hauptgeschäftsführer des Verbands für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM), übertrieben. Er rät jedoch: "Im Fall der Verwendung von Polystyrol als Dämmstoff empfehlen wir immer eine schwerentflammbare Ausführung, auch wenn dies in niedrigen Häusern nicht vorgeschrieben ist."Ähnlich sieht das Josef Rühle vom Dachdeckerverband. Komplett auf entflammbare Dämmstoffe wie Polystyrol zu verzichten, hält Rühle derzeit gar nicht für machbar. "Der Bedarf an Dämmstoffen ist gerade beim aktuellen Bauboom viel zu hoch, um diesen zum Beispiel nur mit Mineralwolle decken zu können", sagt Rühle.

Dass nach der Brandkatastrophe in London das Interesse an Wärmedämmungen einbricht, glaubt der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes nicht. "Nur mit einer guten Wärmedämmung kann es gelingen, den Energiebedarf nachhaltig zu reduzieren", sagt Heide.

Gebäudesanierung: Impuls durch Steueranreize

Ob die Nachfrage an Gebäudedämmungen in den nächsten Jahren steigt, ist abhängig davon, wann die viel diskutierte steuerliche Förderung der Gebäudesanierung auf den Weg gebracht wird. Jüngst kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel an, sie werde bei einer möglichen Wiederwahl die Länder vom Nutzen der steuerlichen Förderung überzeugen.

ZDB-Mann Heide hält bei den derzeit niedrigen Energiepreisen solch einen Anreiz für unbedingt erforderlich, damit die Regierung ihre selbst gesteckten Klimaziele erreichen kann. Unter anderem soll bis 2050 in Deutschland ein weitgehend klimaneutraler Gebäudebestand geschaffen werden.

Axel Scheelhaase, Projektleiter energieeffiziente Gebäude bei der Deutschen Energie-Agentur, ist überzeugt, dass die Steueranreize "einen starken Impuls auf den Sanierungsmarkt ausüben würden". Das glaubt auch Hans-Joachim Riechers vom VDPM: "Sie würden zusätzliche Investitionen auslösen, die dem Klima zugutekommen und nebenbei auch noch neue Jobs schaffen."

Ob das stimmt, wird sich frühestens nach der Bundestagswahl zeigen.

Brandschutzregeln

  • Bei Hochhäusern ab 22 Metern muss die Fassadendämmung nichtbrennbar sein oder bei Verbundelementen einen nichtbrennbaren Mantel besitzen. Ein geeigneter Dämmstoff ist zum Beispiel Mineralwolle.
  • Bei Gebäuden mittlerer Höhe wie z.B. einem Mehrfamilienhaus (7 bis 22 Meter) muss die Außenwandbekleidung mindestens schwerentflammbar sein. Das können zum Beispiel Hartschaum-Wärmedämmplatten mit Flammschutzzusatz sein.
  • Bei Gebäuden mit geringer Höhe, zum Beispiel ein Einfamilienhaus, ist ein normalentflammbares Dämmmaterial wie Holzwerkstoffe zulässig.
  • Erdgeschossige Industriebauten und Verkaufsstätten müssen mindestens schwerentflammbar gedämmt werden. Bei mehrgeschossigen Bauten muss das Material nichtbrennbar sein.

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Reis

"Schwer" entlammbare Polystyroldämmung

Nur in Deutschland wird Polystyrol-Dämmung als "schwer entflammbar" eingestuft, und das gegen besseres Wissen der Verbände. Ich habe da selbst Versuche unternommen und bin der Ansicht, dass dieses Material als Fassadendämmung Brand gefährlich ist. Aber wem soll ich glauben schenken? Meinen Erfahrungen oder einer Meinung (Statistik; muss mindestens 101 % sein) die mir irgend jemand auf´s Auge drückt? Ich kenne ein 4 vierstöckiges Geschäftshaus mit 14 cm PS-Dämmung ohne Brandriegel. Die Bauüberwachung erfolgte durch einen SV Dipl. Ing. Arch. Ich habe ihn auf den Mangel hingewiesen und er meinte: Das geht schon, ist ja nicht so hoch. Unterstützt wurde er von einem MM der ebenfalls ö.b. u. v. S ist. Wenn dort einmal etwas passiert, erstatte ich Anzeige wegen Baugefährdung.
MfG
J. Reis